Ein super Marktbesuch

Gestern wollte ich in einem Supermarkt ein bisschen Fleisch kaufen. Im Kühlregal wartete Bio-Hähnchen auf mich. Preis 25,00 Euro. Die Kinder essen so gern Hühnersuppe und Frikassee. Früher hatte ich das mit billigen Hühnerbeinen gemacht, bis ich einmal Chemie und Elend in der Hühnerbrühe schmeckte. Seitdem also Bio. Aber 25 Euro konnte ich gestern  nicht ausgeben, das war zuviel. Wie machen das Menschen, die sich das gar nicht leisten können? Die müssen weiter Chemie und Elend fressen. Die Armen.

Also weiter:  Hackfleisch auch irgendwas um die 5 Euro. Vielleicht Lachs? Lieben die Kinder auch und wir brauchen ab und zu Eiweiß, tierisches. Wenn ich auf meinen Fischanteil verzichten würde, bekäme ich zwei Malzeiten raus. Dennoch: Zu teuer. Schwein wäre preislich machbar, mag ich aber nicht. Also Rind? Unbezahlbar, ein kleines 150 Gramm-Filet für 14 Euro. Am Ende gehe ich mit Hähnchenleber raus, die ist billig, weil sie kaum einer will. Und in bio gibt´s die gleich gar nicht. So sieht´s aus: Wer es sich nicht leisten kann, bekommt die Reste. Effiziente Totalverwertung. Was kostet eigentlich Zunge?

Manchmal sehe ich alte Menschen, die Flaschen in Müllbehältern suchen. Auch scheint es, als würden die Obdachlosen in den Straßen mehr werden. Mit meinen Nachbarn spreche ich über Einsparmöglichkeiten, weil alles so teuer geworden ist. Wir erinnern uns an die Zeit als Studenten, in der wir machmal wochenlang von Nudeln, Toast und billigem Rotwein lebten. 400 Euro mehr Kosten haben die Nachbarn jetzt, inklusive der Gaserhöhungen.

In der aktuellen ZEIT schreibt Bernd Ulrich, "dass nun eben neue Zeiten angebrochen sind" und setzt fest: "Keine Gasversorgung, ohne Gas zu sparen, keine Solidarität ohne Verzicht derer, die verzichten können. Kein Naturschutz ohne weniger Wohnraum pro Kopf, kein Artenschutz ohne weniger Fleisch, keine Sicherheit ohne Windräder in Sichtweite." Das alles muss sein, um Klimawandel und Krieg entschlossen entgegenzutreten. Ich nehme an, sowas schreibt sich leicht daher, mit dem Gehalt eines stellvertretenden Chefredakteurs. Gutsein muss man sich erst mal leisten können. Bisher war das eine freiwillige Leistung: Heute wird Verzicht verordnet und wer es sich nicht leisten kann, der muss leiden. Das ist der Unterschied zwischen denen, die ausreichend haben und denen, die gerade so durchkommen: Der eine verzichtet - großzügig natürlich, und der andere wird geschröpft - schmerzhaft natürlich.

Für mich gab es dann gestern kein Bio-Huhn, stattdessen Leber. Vielleicht wird es noch mal warm und ich kann sie in der Sonne garen. Das spart Gas. Ich verließ den Supermarkt und stellte mir die bald leeren Regale vor. Wenn keiner mehr was kaufen kann, gibt´s übrigens auch keine Pfandflaschen mehr im Müll. Der Versorgungskreislauf des Nichts funktioniert dann auch nicht mehr.

Und vor allem: Wenn niemand mehr Bio-Huhn um Supermarkt kaufen kommt, wer liest dann noch das Kundenmagazin, auf dessen Cover Riccardo Simonetti für DIVERSE FRÜCHTCHEN wirbt?


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