Ende der großen Pause

Der Sommer lockt. Die ersten warmen Tage sind bereits vergangen. Draußen vor dem Fenster rauschen die Bäume wie Wellen des Meeres. Alles fühlt sich an wie Urlaub. Alles fühlt sich an wie - normal. Erst wenn ich in der Öffentlichkeit maskenverhangene Menschen sehe und die News mir Zahlen und Prognosen vor die Füße spülen, erinnere ich mich an - die Pandemie. Seit bald drei Jahren ist sie nun Thema. An so vieles habe ich mich gewöhnt. Ein umfassendes "ach, egal, geht schon" hat mich zum Teil des Ganzen gemacht.

Als alles begann, 2020, habe ich nach Wissen gesucht, nach Belegen, nach Studien, nach Beweisen, die mich vom Gegenteil meines Bauchgefühls überzeugen könnten. Ich schrieb meine Gedanken ins Netz und wurde vom MDR um ein Interview gebeten, in dem ich feststellte, dass der Tod von alten Menschen normal sei. Das Interview findet man nicht mehr. Mir wurde auf Grund dieser Aussage, Verfassungsfeindlichkeit vorgeworfen. Es war zu diesem Zeitpunkt unmöglich, über das Sterben als Teil des Lebens zu sprechen. Und dabei war genau das mein Job: Für viele Jahre redete ich über Tod und Sterben, schrieb Artikel, war Chefredakteurin eines Magazins für Endlichkeitskultur und dachte mir Veranstaltungsformate aus, um dem Tod eine Bühne zu bieten, auf der er nicht erschreckend sein muss. Pustekuchen. Die Medien haben dem Tod während der letzten zweieinhalb Jahre die Jokermaske aufgesetzt, die ich zerstören wollte. Und die Menschen? Die fanden sich in ihrer Urangst wieder und vergaßen das Leben.

Doch nicht nur, dass sie selbst fürchteten, zu früh und zu elend zu sterben. Sie begannen auch, einander zu kontrollieren, zu maßregeln und zu verraten. Eine alte Option von Macht kam ins Spiel, eine Macht, die in der Geschichte immer wieder auftauchte und doch überraschend wieder nach oben kam: Die Macht über den Nachbarn. Plötzlich war es - im Sinne des Guten - erlaubt, den Nachbarn, Bekannte, ja sogar Freunde und Familie zu denunzieren und mit der eigenen Moral zu bespucken. Das taten die Menschen schon immer, ob in der Inquisition, im Dritten Reich, im Stalinismus oder in der DDR. Doch das waren totalitäre Strukturen, in denen man fürchtete, am Galgen zu landen, wenn man nicht von sich selbst ablenkt. Niemand jedoch wäre bestraft worden, hätte er den im Lockdown feiernden Nachbarn nicht der Polizei gemeldet. Keiner wäre abgeholt worden, wenn er den maskeverweigernden Oberstufenschüler nicht angeschrien hätte. Es muss also etwas anderes sein, das die Menschen dazu bringt, einander zu verraten und zu erziehen.

Es ist das überhebliche Gefühl der normierten Rechthaberei. Mit der Sicherheit, auf der richtigen Seite, für die richtige Sache zu stehen, wird der Nicht-dort-Stehende angegriffen und öffentlich bloßgestellt. So erhebt man sich selbst, so wird man zum Helden im Kampf gegen die virale Pandemie. Mit Gesetz, Politik und der veröffentlichten, medialen Meinung im Hintergrund, wirkt das Rückgrat gestärkt und man kann sich aufrecht stehend für das verordnete Gute einsetzen. Undenkbar jedoch ist es, sich umzudrehen und gegen den Rückhalt anzugehen. Dann, wenn man Zeifel bekommt. Es ist fast unmöglich, sich gegen den Rückenwind zu wenden, wenn man immer mit ihm gelaufen ist. Dafür ist man bereits viel zu schief.

Ganz anders ergeht es dem, der von Beginn an gegen den Starkwind der Mehrheitsmeinung gelaufen ist. Seine Muskeln haben sich gestärkt, er ist einiges gewohnt. Doch das laue Lüftchen des Sommers hat auch ihn entspannt, denn es schien, als wäre kein Widerstand mehr nötig. Masken beim Einkaufen waren passé, die ängstlichen oder demonstrativen Maskenträger können wohlwollend ignoriert werden. Die Impfpflicht ist vorerst vom Tisch. Gleichzeitig sind jedoch einige Bestimmungen geblieben, die als Knotenpunkte eines neuerlichen Erstarkens der Maßnahmen eine wichtige Rolle spielen werden. Sie betrafen mich nur nicht, also blieb ich ruhig in dieser großen Pause, deren Ende sich nun ankünigt.

Der Herbst wird an die Wand gemalt. Es geht wieder los. Lauterbach verkündet neue Wellen und bestellt Impfstoffe. Die omnipräsente Maskenpflicht wird beschworen. Kinderimpfungen sind nun empfohlen, die Impfpflicht ab 60 soll neu diskutiert werden. Und dann sind da noch die Affenpocken. Wenn nun alles wieder von vorn beginnt, ist es Zeit, aktiv zu werden und das tägliche Nö zu reaktivieren. Schreiben an Veranstalter, Politiker, Schule und Vereine, Kliniken, Heime, Supermärkte und Privatpersonen, die das ausgrenzende Hygieneregime ermöglichen. Eine neue Phase der Anstrengung, des Ausgelaugtseins, des Widerstands, aber auch des Wiedertreffens von Gleichgesinnten, des gemeinsam heimlich Feierns, des Diskutierens und Verbindens kündigt sich an.

Sammelt eure Kräfte, saugt gute Erlebnisse auf, besucht einander und feiert die Gemeinschaft, definiert eure Idee von Freiheit und stellt euch eine gute Zukunft für eure Kinder vor, eine Zukunft, für die es sich einzusetzen lohnt. Stärkt euch mit Philosophie, Werten und klugen Bekannten. Macht euch bereit, der Wind zieht wieder an.


 Juliane Uhl

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