Dem Ganzen ein Ende machen (zum Welttag der Suizidprävention)

Dem Ganzen ein Ende machen: Als ich noch sehr jung war, habe ich über Suizid, den ich damals noch Selbstmord nannte, nachgedacht, wenn ich Liebeskummer hatte, wenn meine Eltern mich genervt haben, wenn ich unsicher war. Meine Gedanken waren sehr konkret, doch ich stellte mir nie vor, wie ich es machen würde, sondern immer nur, wie traurig alle wären und dass ich es ihnen - diesen allen - dann mal richtig gezeigt hätte. Meine jugendlichen Suizidgedanken waren Vorstellungen vom befriedigenden Gefühl der Rache.

Als ich älter wurde, hatte ich diese Gedanken nicht mehr. Keine Verzweiflung war groß genug, um mich dem Suizid nahe zu bringen. Alles war aushaltbar, machbar. Immer wusste ich, dass es bessere Tage geben würde. Immer konnte ich dem, was mich zum Verzweifeln brachte, ausweichen. In den letzten Wochen jedoch hat sich etwas verändert.

Ich fuhr auf der Autobahn und verpasste, weil ich laut Musik hörte, fast die Ausfahrt. Durch das Rumreißen des Lenkrades nach rechts, schnitt ich einem LKW den Weg ab und kam nur knapp an ihm vorbei. Ich bog ab und erschrak, weil ich mich kaum erschrocken habe, weil ich dachte, es wäre auch egal gewesen. Und dies war nicht die einzige Situation: Ich denke seit diesem zweiten Corona-Sommer oft über Stefan Zweig und andere Künstler nach, die sich aus Verzweiflung über die äußeren Umstände das Leben nahmen. Es ist für mich keine ernsthafte Option, an deren Umsetzung ich arbeite, aber der Blick in die Zukunft schärft mein Verständnis für das, was in der Vergangenheit geschehen ist. Es ist dieses verdammte Gefühl, nicht ausweichen zu können, es ist dieses verdammte Schwarz, das ich sehe, wenn ich an die Zukunft meiner Kinder denke. In was für einer Welt werden sie leben, in was für einer Gesellschaft? Ich sehe manchmal kein Licht mehr. Am schlimmsten ist es, wenn ich nicht wahrhaftig sein kann, wenn ich so tun muss, als wäre alles in Ordnung. Schönfärberei ist toxisch.

Menschen in depressiven Phasen haben selten die Kraft, um die Fassaden des sozialen Miteinanders aufrecht zu erhalten. Deshalb ziehen sie sich zurück. Seit bald zwei Jahren kitten wir unsere Fassaden, reißen wir uns zusammen, weil wir den Frieden nicht stören, weil wir nicht anecken wollen. Das kostet so viel Kraft. Und ich, ich habe im Moment nicht mehr so viel davon.

Diese Sätze zu schreiben, fällt sehr schwer. Nicht, weil sie persönlich sind, weil sie meine Schwäche offenbaren. Es fällt schwer, weil Andeutungen von Suizidgedanken dazu führen, dass psychologische Hilfe eingeschaltet wird, dass Experten hinzugerufen werden, die dann (meist) Tabletten verschreiben, dass man plötzlich krank ist. Was aber, wenn es ganz natürlich ist, in schwierigen Situationen nach einem schnellen Ausstieg zu suchen? Was, wenn es nicht nur mir so geht?

Bevor ich diesen Text veröffentliche, denke ich daran, wer ihn lesen könnte. Wer aus meiner Familie und aus meinem Umfeld sich dann Sorgen macht. Und ich zögere und will ihn lieber doch nicht veröffentlichen. Aber vielleicht ist genau das das Problem: Dass wir lieber Fassaden aufrecht halten, damit alle sich wohlfühlen, anstatt wahrhaftig zu sein. Also zeige ich mich mit diesen Worten und versichere: Niemand muss sich Sorgen machen. Aber wenn einer daher kommt, mir auf die Schulter klopfen und mir sagen will: "Was für ein irrsinniger Scheiß", dann ist er herzlich willkommen.

Das Schreiben hilft, das Sich-Äußern, denn es ordnet die Gedanken. Ich werde mich nicht umbringen, dafür liebe ich mein Leben viel zu sehr. Es gibt noch so viele unentdeckte Nischen, in denen ich frei sein kann, noch so viele Menschen, die ich treffen möchte.

Schreiben, reden, es sagen können - das ist Suizidprävention.

Foto: Ronny Zeisberg

 

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