Wir Mütter

Seit einem Jahr bin ich eine zerrissene Mutter. Das Wegfallen der gewohnten Strukturen, von Schule und nachschulischen Aktivitäten, das Verschwinden der Bezugsgruppen der Kinder hat mich aufgebläht und ausgehöhlt, denn plötzlich muss ich für alles da sein.
 
Mein Job ist nicht verschwunden, er will trotzdem erledigt werden. Doch jeder Tag im Homeoffice mit den Kindern zerreisst mich mehr. Immer ist da das schlechte Gewissen: Wenn ich mich um die Kinder kümmere, denke ich an die Arbeit. Arbeite ich, tun mir die Kinder leid.Meine kleine Tochter hat Anspruch auf Notbetreuung, doch sie geht nur widerwillig. Sie ist in der ersten Klasse und sagte neulich: "Mama, ich war noch nie ohne Corona in der Schule." Sie hat keine Schulroutine entwickelt und sie hat keine Lust.
Meine Große verliert den Anschluss, weil Lehrer nur Seitenzahlen schicken und online-Aufgaben, aber viel zu wenig erklären. Dann übernehmen wir Eltern das und ärgern uns über die Lehrer. Eine gute Beziehung kommt nicht zu Stande, alle fordern etwas von anderen, alle überfordern sich selbst.
Seit einem Jahr kaum Urlaub, immer nur kurze Ausflüge zu Menschen, die es ertragen konnten, dass wir einer zu viel sind - laut Verordnung. Jeder Ausflug am Rand der Legalität. Immer das mulmige Gefühl dabei. Und dann immer wieder Menschen in freier Wildbahn, die einfach nur froh sind, andere Menschen zu sehen. Man redet kurz mit Fremden, alle scheinen ausgelaugt und sehnen sich nach freundlicher Begegnung.
 
Als ich im letzten Jahr zum ersten Mal meine 6jährige Tochter mit Maske auf dem riesigen Schulhof sah, fing ich an zu weinen. Mitten auf dem Hof, vor den Erzieherinnen. Es war einer der schlimmsten Tage dieses Jahres. Immer noch finde ich die Masken für Kinder grausam. Doch ich gehe nicht mehr auf den Schulhof, ich bleibe davor stehen, ohne Maske. Meine Kleine sagt dann immer: "Du hast es gut, du bist an der frischen Luft." Zum Geburtstag wünschte sie sich nur, "dass das Scheiß-Corona" weggeht. Der zweite Geburtstag ohne Party.
Ich bin eine sorgenvolle Mutter, weil ich die Impfung für die Kinder nicht will. Sie sind nicht gefährdet, werden aber zu Gefährdern erklärt. Immer muss ich abwehren, die Kräfte schwinden manchmal und dann bin ich leer.
 
Ich bin eine traurige Mutter, weil meine Kinder traurig sind. Weil die Große manchmal in sich selbst zu verschwinden droht und wenig Antrieb hat.
Wenn ich früher an die Zukunft meiner Kinder dachte, und auch an meine, dann wurde alles weiter. Jetzt wird der Blick eng und verliert sich in Nebel.
Es wird Zeit, diese Traurigkeit, diese Wut zu äußern. Wir Mütter haben ein Recht auf diese Gefühle. Sie müssen nicht rationalisiert werden, in dem wir uns mit anderen vergleichen, denen es schlechter geht. Wir müssen unsere Tränen nicht wegdrücken - aus Solidarität, die gefordert wird. Wir sind solidarisch mit denen, denen wir uns nahe fühlen. Mit unseren Familien.
Wir Mütter, wir Eltern müssen uns zeigen und darüber sprechen, was Corona mit uns macht. Denn wir haben keine Lobby, die das für uns tun würde.
Doch wir sind so viele und uns verbindet das stärkste Gefühl, das eine Frau haben kann: Die Liebe zu den Kindern.
 
Foto: Marcus-Andreas Mohr
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