Schau mal, Supermond!

Der Mond überstrahlt den Morgen und zieht alles an. Gestern schrieben sie vom Supermond, der auch noch pink werden soll. Nun steht das halbe Land um 5:30 Uhr auf. Weniger, um den Mond anzusehen, als um ihn zu fotografieren. Das Internet wird voller Mondbilder sein. Wenige gut, viele schlecht - eben einfach Mond. Mond hinter Haus, hinter Feld, Mond mit Mensch, Mond ohne Mensch. Hauptsache Mond. Das ist das Thema. Und wer verfehlt das schon gern. Mondsucht in Deutschland.

Ich erinnere mich an ein Spiel, das man gern mit Kindern treibt, denen man ein Stück Schokolade klauen möchte. Man sagt: "Da, ein Flugzeug." Das Kind schaut hin und schon kann man unbemerkt zugreifen. Fokusverschiebung, Aufmerksamkeitslenkung. "Da, ein pinker Mond."

Millionen Fotos werden ins Netz geladen und warten auf Bestätigigung. Daumen hoch oder Herzchen gedrückt; selten, weil das Bild so toll ist, meist, weil man den Absender kennt und ihm einen Gefallen tun möchte. Und der freut sich über jeden Klick - Bestätigung, Existenzbeweis. Der Mond ist da und ich, und all die Menschen, die uns beide lieben. Tausende Mondfotos durch die wir scrollen. Next - Like - Next - Like - Next! Wow, eine schwarz-weiß Version vom pinken Supermond. Wie außergewöhnlich - Love, Daumen, Kommentar - Next.

Zwanzig Minuten im Netz verbracht und Mondfotos bestaunt. Wann fing das eigentlich an, dass ich Fotos fremder Menschen anschaute? Ich, die Dia-Abende so schrecklich findet wie Spiele-Abende. Was geht mich dein Urlaubssonnenuntergang an?

Der Unterschied ist, dass ich beim Scrollen keinem Vortragenden gegenüber Emotionsrechenschaft pflichtig bin. Ein Diaabend ist eine Theatervorstellung, in der einer einen Monolog hält und die anderen verpflichtet sind, zu staunen, nachzufragen und mehr zu wollen. Social Media erlaubt Vorspulen und umschalten. So dass man am Ende des Tages länger da geblieben ist, als beim Vortrag über Andis Andenwanderung.

Michael Ende beschrieb die grauen Männer, die den Menschen die Zeit stahlen. Wir brauchen sie nicht mehr. Wir haben jetzt Social Media. Ein riesiges schwarzes Loch, das sich durch Mondbilder und Schrei-nach-Liebe-Videos immer weiter ausdehnt und unsere Zeit verschlingt. Es ist das bunte Nichts, das sich wie klebriger Honig über unsere Leben legt und uns an unseren Plätzen hält, über denen der pinke Supermond scheint.


Autorin: Juliane Uhl

Foto: Ronny Zeisberg

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