Geschrieben von JU am . Veröffentlicht in Texte.

Ich lass mich doch nicht von jedem duzen

Gestern trank ich Kaffee vor dem Eingang eines Supermarktes. An den selbstöffnenden Glastüren klebten die obligatorischen provisorischen Coronaschilder auf denen stand: "Bitte haltet 1,5 M Abstand!" und "Deine Gesundheit liegt uns am Herzen." Hört sich irgendwie nett an, aber ich fragte mich doch: Warum duzt mich der Supermarkt?

Die Supermarktleitung erstellt eine Nähe, die mir widerstrebt: Mit dem Du wird eine Ebene erzeugt, die intimer ist, als sie sein sollte. Ich kenne niemanden von dem Markt, dem es zusteht, mich zu duzen. Es hat wirklich lange gedauert, bis ich akzeptieren konnte, dass Fremde mich siezen. Denn damit war immer das Gefühl verbunden, erwachsen und alt zu sein. Nun, da ich beides bin, bestehe ich auf dieser Form der Anrede, auch, weil ich eine abwartende Distanz zu Fremden sehr zu schätzen weiß. Denn wie heißt es so schön: „Ob ich Sie Arschloch oder Du Arschloch sage, macht einen Unterschied“ (Michael Kastner im Handelsblatt.) Das Du macht eine Beziehung verbindlicher, verringert die Distanz und erschwert Kritik. Ich möchte gern selbst entscheiden, ob ich diese Nähe will.

Das Du sickert seit Jahren in die Gesellschaft, während das förmliche Sie oft schon im ersten Kennenlernen, wie ein drückender Schuh abgestriffen wird. In den 1960 und 1970 Jahren gab es in Schweden die sogenannte Du-Reform, die das Du zur gängigen Anrede in der schwedischen Gesellschaft machte. Man schreibt die Reform dem damaligen Direktor der nationalen Gesundheits- und Sozialbehörde zu. Bror Rexed erlaubte seinen Angestellen 1967, ihn zu duzen. In dem 1978 erschienenen Buch den moderna döden (Auf Deutsch: Der moderne Tod - Vom Ende der Humanität, Gemini Verlag 2001) wird auf diese Reform eingegangen. Der Moderator eines fiktiven Symposiums von Politikern, Wissenschaftlern und Theologen sagt:

"[...] das hat die Lenkbarkeit ungeheuer erleichtert. Endlich konnten wir mit unseren Direktiven den Menschen auf den Leib rücken, in die Häuser und Schlafzimmer gehen und unsere Wünsche diktieren. Ämter und Behörden, die vorher eine schlichte Servicerolle hatten und höchstens bescheidene Wünsche durch den Briefkasten vorbringen konnten, stehen jetzt im Wohnzimmer und geben Befehle."

In dem Symposium wurde darüber gesprochen, wie man den Alten des Landes nahebringen kann, dass ihr Tod besser für die Gesellschaft sei, als ihr Leben. Man ist sich einig, dass das mit Du leichter zu vermitteln ist, als mit einer förmlichen Anrede.

Das Du macht aus Fremden Freunde, zumindest suggeriert es uns dies. Man meint, dass das Du Hierarchien aufgelöst hätte, doch es zeigt sich etwas anderes. Die US-amerikanische Psychologin Ewa Kacewicz untersuchte 2013 in einer Studie E-Mails und Briefe und stellte fest: "Während der niedrigere hierarchische Status mit einer häufigeren Verwendung von „ich“ einherging, nutzen Probanden in höheren sozialen Positionen diese deutlich seltener, dafür aber weitaus häufiger die Personalpronomen „du“ und „wir“." (Welt.de) Das Du als Machtinstrument?

Bewusst oder unbewusst, das Du wirkt. Denn Aufforderungen mit Du lassen Mutters Schelte im Ohr erklingen und bringen das gehorsame Kind in uns zum reagieren: "Was hast du gemacht? Du sollst doch nicht? Du musst." Vielleicht ließe sich auch die Trotzreaktion erwachsener Menschen auf solche Maßnahmen damit erklären. Wenn sie wie Kinder behandelt werden, reagieren sie auch auf dieser Ebene. Dann ist das Du wie eine elterliche Umarmung, auf die man eigentlich keinen Bock mehr hat.

Das Du verhindert Distanz. Plötzlich ist man jemandem nah, den man nicht kennt. Darum sollte man sich bei jeder Aufforderung fragen, wer dieser Andere ist, mit welchem Recht er fordert und welche Grenze man ziehen muss, um selbstbestimmt zu bleiben und nicht im großen Ganzen unterzugehen. Denn erst das überall gängige Du ermöglicht die Gefangenname ins herrschende Narrativ des Wir.

Fortsetzung folgt ...


Autorin: Juliane Uhl