Zero Humanity

Der Aufruf ZERO COVID geisterte heute morgen an mir vorbei. Zunächst war ich erfreut und dachte: "Cool, da ist jemand, der kann eine Krankheit komplett besiegen. Das muss ein Superheld sein." Also sah ich mir das mal an und stellte fest: Es ist eine Superheldin. Christina Klemm, Anwältin, startete den Aufruf, mit dem die Corona-Infektionen auf Null gedrückt werden sollen. Solidarisch versteht sich.

"Wir brauchen jetzt einen radikalen Strategiewechsel: kein kontrolliertes Weiterlaufen der Pandemie, sondern ihre Beendigung. Das Ziel darf nicht in 200, 50 oder 25 Neuinfektionen bestehen – es muss Null sein."

Wow, ambitioniert. Einen Virus bekämpfen, so richtig ausrotten. Zieht schon mal die Kampfanzüge an. Oder ... Moment ... doch lieber keine Kampfanzüge? Stattdessen lieber Listen und Kugelschreiber.

"Wir setzen uns dafür ein, dass die Sars-CoV-2-Infektionen sofort so weit verringert werden, dass jede einzelne Ansteckung wieder nachvollziehbar ist."

Aha - wir überwachen also mehr. Die Gesundheitsbehörden sollen noch mehr auf den Bürger starren, ihn mahnen und erinnern und ihm sagen, was er zu tun hat. Im Aufruf steht dann natürlich, dass das Personal dort verstärkt werden muss. Klar.  Da bekommt Corona mächtig Angst, wenn die Behörden aufgestockt werden und rottet sich sicherlich gleich selbst aus. "Geh sterben, Corona, wir sind mehr." - Nun, es passt schon irgendwie zusammen: Eine Behörde meint ein Virus überwachen zu können (Stand jetzt) und eine sozialistischer Aufruf meint, eine Krankheit ausrotten zu können.

Sagte ich sozialistisch? Wie komme ich denn darauf? Abgesehen davon, dass mich das inzwischen bei Artikeln mit dem Wort "solidarisch" meist erwartet, steht es es recht eindeutig drin.

"Die notwendigen Maßnahmen kosten viel Geld. Die Gesellschaften in Europa haben enormen Reichtum angehäuft, den sich allerdings einige wenige Vermögende angeeignet haben."

Da ist es wieder, das alte Bild vom Kapitalisten, der den armen Menschen das Geld weggenommen hat. Und der gehört jetzt rangenommen, der muss jetzt bezahlen, was die Aufrufenden fordern. Und während der Kapitalist zahlt, wird die "Arbeitspflicht ausgesetzt". Einige blechen, andere tun nichts. Solidarisch versteht sich.

Und mal grundsätzlich: von welcher Arbeitspflicht redet man da? Niemand verpflichtet mich zum Arbeiten. Ich kann auch zu Hause bleiben und nichts tun. Dann verdiene ich aber kein Geld. That´s it. Im Grunde eine Übersetzung eines einfachen Prinzips: Wenn du keine Kartoffeln anbaust, kannst du sie auch nicht essen. ABER: Das wird im ZERO COVID Aufruf gelöst durch ein "umfassendes Rettungspaket für alle". ERGO: Ich muss nicht mehr arbeiten, bekomme aber Geld. Cool, das ist ja wie bedingungsloses Grundeinkommen. Die Zeche zahlen dann irgendwann mal unsere Kinder, entweder über Steuern oder in dem sie in einer Gesellschaft leben, in die wir sie vielleicht lieber nicht hineingeboren hätten.

Dann ist da noch die Sache mit den Impfstoffen als Gemeingut. Sie sollen dem Profitstreben entzogen werden. Ich verstehe hier noch den Ansatz, dass das Zurückhalten von Impfstoffen aus Geldmaximierungsgründen nix Gutes ist, möchte aber dennoch erwähnen: Das Streben nach Profit bringt gute Erfindungen hervor, WEIL Produzenten für ihre Produkte bezahlt werden wollen. Warum macht ein Schuster Schuhe? Weil er Füße vor Verletzungen schützen will? Nein, weil er Geld verdienen muss, damit er sich was zu essen kaufen und leben kann.

Dann schreiben sie noch was von "politischer Lähmung", obwohl sie oben was von "aktionistischen Einschränkungen" schrieben, Aufstockung des Pflegepersonals (gute Idee) und Verstaatlichung der Krankenhäuser.

Zum Ende dann, worum es geht "Schutz unserer Gesundheit gegen kurzfristige Profitinteressen". Hört sich irgendwie protektionistisch an, UNSERE Gesundheit. Wer ist denn dieses UNS? Und was ist denn GESUNDHEIT? Virusfreiheit? Sicher nicht.

Und wenn diese Aufrufenden von UNSERER Gesundheit schreiben, dann meinen sie sicher nicht die Gesundheit der Menschen, die allein im Altersheim sitzen und ab jetzt mit ihren Enkeln skypen oder zoomen sollen. Und sicherlich auch nicht die Kinder, die allein in Etagenwohnungen hocken und mit einem Computer sprechen, die das Lachen und Toben verlernen. Und bestimmt auch nicht die Jugendlichen, die keine Perspektive haben, weil sie nicht wissen, welche Ausbildung man in einem Land noch machen soll, in dem Fabriken und Unternehmen geschlossen werden, in dem Arbeitgeber, die zu viel Geld haben, geschröpft werden und irgendwann eben keine Arbeitgeber mehr sein können.

Und sicher, also ganz sicher, meinen diese Aufrufer auch nicht die Millionen Kinder der Welt, die wegen dem was die Aufrufer neckisch DIE GROSSE PAUSE nennen, verhungern werden. Ja, verhungern, zusätzlich zu denen, die sowieso schon verhungern, weil es im Westen nur zur Scheinheiligkeit reicht.

Aber zurück zu uns, schauen wir wieder auf uns, nur auf uns und unsere Gesundheit, die dringend notwendig ist: "Demokratie ohne Gesundheitsschutz ist sinnlos und zynisch."
Gesundheitsschutz für uns natürlich nur.

PS: Und wenn jetzt einer fragt, was die Alternative sei, dann kann ich nur eines sagen: Gesundheit, und zwar ganzheitlich. Die Alternative zur Fokussierung auf Krankheit ist das Vermehren von Gesundheit - gut essen, gut leben, raus gehen, Sport machen, zusammen sein, menschlich sein, warm sein, pflegen, stützen, betten, fröhlich sein, eine Zukunft haben, feiern, etwas Gutes tun und Gutes teilen. ETWAS GUTES TUN ist die Alternative zum krampfhaften Versuch, etwas Schlechtes zu verhindern.

Hannah Arendt hat mal geschrieben, die Welt ist zwischen den Menschen. Mit einem Vereinzelungsaufruf wie diesem schaffen wir die Welt ab.


 Autorin: Juliane Uhl

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